Donnerstag, 24. Juni 2010

Wie, Du hast keine Fahne am Auto...!?

Panem et circenses, Opium für`s Volk...

Deutschland schafft, trotz Mertesacker, den Einzug ins Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 und alle sind froh:

Die Politik, die, wie stets zu Zeiten der EM und WM, noch weniger interessiert. Dann die Zeitungen, die weiter groß aufmachen können. Dazu die schier unfassbare Anzahl von Fußball- und "Schland"-Fans, die weiter einen Grund haben irgendetwas zu feiern. Und natürlich alle Autofahnen- und Vuvuzela-Verkäufer; denn: Wer traut sich denn noch ohne mindestens ein Fan-Utensil auf die Straße?
Einerseits ist es ja schon irgendwie schön, dass "der Deutsche" an sich schon etwas mehr aus sich herausgeht, als früher. Doch ob man jeden Vorrundensieg, gleich ob gut oder schlecht, ob gegen ein Spitzenteam oder einen Underdog gespielt wurde, mehr feiern muss, als früher den Gewinn des Endspiels?

Feiern ist in; gerade in Zeiten, in denen alles den Bach runter geht. Sozialabbau, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise, Perspektivlosigkeit, Politikverdrossenheit, gefördert jedoch auch durch die neue Dimension von Gleichgültigkeit, Desinteresse an allem und, mit Verlaub, Dummheit.

Ähnliches war schon bei der ach so tollen Loveparade in Berlin zu beobachten. Gestartet mit einigen Dutzend Leuten und ausgeufert zum größten Open-Air-Event der Welt. Da waren am Schluss fast nur Leute dabei, die sonst alles hören, nur keine Technomusik. Hauptsache dabei.

Und so läuft es auch auf den "Fanmeilen" und Public Viewings. Nein, ich denke da nicht an die so beliebte Frage nach dem Abseits. Doch ganz ehrlich: Die meisten haben sonst null Bezug zum Fußball. Denen kann man auch nicht erklären, dass es nicht logisch ist, dass Australien nicht gegen Serbien gewinnen kann, da Deutschland gegen Serbien verloren hat, jedoch gegen Australien gewonnen hat.

Mich nervt es. Sommermärchen 2006, EM-Fieber 2008, dazu noch der Sommertraum im Handball und sogar bei der Eishockey-WM werden sämtliche Zuschauerrekorde gebrochen. In Zeiten, in denen alles mega, super, asozial-geil, abgefahren und cool sein muss, ist der Außenseiter, der sich am Fußball erfreut, mit der Deutschen Mannschaft mitfiebert und sich über den Sieg freut; nicht jedoch das Maß verliert und auch sieht, was alles im Argen liegt. Mir kommt jedenfalls keine Fahne ans Auto.

Und wenn die eigene Mannschaft rausfliegt oder es gar nicht erst bis Südafrika geschafft hat, hält man plötzlich zu diesen oder jenen; bloß weil die Feierei weitergehen muss. Mit Verlaub: Ich habe ein Team, dass ich als Fan unterstütze, eventuell noch Sympathien für eine andere Mannschaft. Doch niemals würde ich mir, wenn ich Spanier wäre, eine deutsche Flagge ins Gesicht malen lassen. Das karikiert das Fan-Dasein; jeder Herzblut-Eintracht-oder-sonstwas-Fan weiß wovon ich rede. Erlaubt ist dies nur denen, die ohne Hintergedanken tatsächlich so empfinden, Europa-Fanatiker, Weltverbesserer und Walldorf-Schüler.

Aber da geht es einigen ja dann doch um die Nation, um das "wir", was sonst so gut wie niemanden interessiert. Und man will mit zu den Siegern gehören. Passiert ja sonst den wenigsten. Doch gerade das gehört doch dazu. Das Zittern um das Team, das Freuen über den Sieg und die Trauer nach einer Niederlage. Da kann man doch nicht zwei Tage später die Fahne auswechseln und wieder grinsend durch die Gegend laufen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen