Wir leben ja bekanntlich in einer Demokratie. Angeblich. Denn ob in den westlichen "Volksherrschaften" tatsächlich die Bürger noch der Souverän sind oder jemals waren, möchte ich bezweifeln; doch das ist ein anderes Thema.
Jedenfalls gehört zu so einer Demokratie das Recht auf freie Meinung. Doch so eine Meinung muss man sich ja erst einmal BILDen. Wie zum Beispiel über Zeitungen oder über Funk und Fernsehen. Früher gab es da als Hilfe Musiksender, bei denen der Name noch Programm war. Musik ist dort jedoch mittlerweile nur noch schmückendes Beiwerk zu den zum Teil unsäglichen Programmformaten und Klingeltonwerbungen.
Also Radio an. Einen Tag habe ich das durchgezogen und habe auch noch einen Sender ausgesucht, der sich auf die junge Zielgruppe spezialisiert hat. Ist ja für einen DJ eventuell aufschlussreich. Dachte ich zumindest. Wenn ich die durch diesen leidensreichen Selbstversuch gewonnen Erkenntnisse umsetzen würde, könnte ich zum nächsten Gig getrost mit nur zwanzig Platten anreisen.
Entlastend für diese Art Sender sind einzig die Hörgewohnheiten, sprich die Verweildauer der Konsumenten vor ihren Empfängern. Nur so ist es zu erklären, dass man einige Titel fast stündlich hört und sich die Titelauswahl auf den Inhalt der jeweils aktuellen Bravo Hits beschränkt. Trotzdem ist es nervig, wenn man tagsüber unterwegs ist, im Auto das Radio einschaltet und auch beim dritten Mal wieder das gleiche Lied hört.
Man hat ja als DJ sowieso oft das Problem, dass man neue Platten spielt, die dann erst Wochen später den Sprung in die Hot Rotation schaffen. Dann muss man es spielen; am besten dreimal. Also kann man, gleich wie gut der Song ist, das Stück eigentlich schon nicht mehr ertragen. Wenn ich nun noch Stammhörer im GfK-konformen Jugendfunk wäre, würde ich durchdrehen, denn da werden solche Tracks regelrecht kaputt gespielt, so dass selbst hart gesottene Fans das Teil nicht mehr hören können.
Interessant dann allerdings die in gewissen Abständen eingebauten Insider-Tracks. Da wird mal vom aktuellen Album eines angesagten Stars das dritte Lied nach der ersten Hitauskopplung gespielt oder eben das, was die Promoabteilung den Sendern vorab als nächste Auskopplung anpreist wie der Aal-Fritz seine Ware auf dem Fischmarkt in Hamburg.
Damit wird dann Backgroundwissen und Sachkenntnis vorgetäuscht, die bei den meisten Moderatoren leider auch ansatzweise nicht vorhanden ist. "Bei uns hört ihr zuerst den Shit..!" Funktioniert interessanterweise aber gar nicht so oft.
Trotzdem färbt dies auf die Clubs ab. In manchen Läden verlangt das Partyvolk nach immer nur den gleichen Hits, andere Locations haben ein Publikum, dass so cool drauf ist, dass man besser keinen einzigen kommerzverdächtigen Titel laufen lässt.
Jeder DJ kennt das wohl: Man hat eine geile Promo bekommen und ist ganz heiß darauf, das Teil im Club laufen zu lassen. Der Abend kommt, die Party nimmt Fahrt auf und jetzt, genau jetzt das Teil spielen. Nach cirka zwei Minuten ist deutlich zu sehen, dass weniger Leute auf dem Floor sind als noch zu Beginn des Tracks. Einige mitleidige Blicke treffen einen und man spürt förmlich die Frage im Raum hängen "Wassollndassein?".
Frechheit siegt, dachte ich mir einmal, nahm das Mikro und schlüpfte in mein Nurdiehits-Moderatoren-Kostüm und verkündete lauthals: "Und hier, speziell für euch, die brandaktuelle Scheibe von (hier den Namen des Superstars einfügen)". Betroffenheit in einigen Gesichtern. Es wurde merklich voller auf der Tanzfläche und einige Blicke verrieten, dass man wieder DJ Cool war, denn man hatte die neue Scheibe von, ihr wisst schon, dabei und das Lied ist aber auch der Hammer. "Ey Alder, muss ich gleich morgen früh aus dem Netz saugen.."..
Womit wir wieder beim Thema wären: Die eigene Meinung. Kann den heute nur noch eine handvoll Leute für sich entscheiden, was gut ist? Muss man denen das erst sagen? Wird ein Song erst dadurch gut, wenn er im Radio oder im Fernsehen omnipräsent ist?
Doch es geht immer noch schlimmer. So geschah es zu der Zeit ,als es so viele Plattenläden gab wie heutzutage Nagelstudios, dass man sich mit Kumpels die frisch eingetroffenen Vinyls rein zog, An einem der Turntables ging ein offensichtlicher Berufskollege der selben Beschäftigung nach.
Schließlich ging er mit einigen Platten Richtung Kasse, legte drei davon auf den Tresen, hielt dem Verkäufer eine vor die Nase und, wie gesagt, er hatte sich alle vorher angehört, fragte, ob die denn gut sei (!).
Hierzu habe ich meine eigene Meinung. Bei dieser wird jedoch die Grenze zur Beleidigung überschritten und da wir ja in einer Demokratie..
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